Fortuna Köln und Bonner SC: Zwei Fußball-Präsidenten im Gespräch

Fußball in Zeiten von Corona: Der Vorstandvorsitzende des Bonner SC, Prof. Dr. Dirk Mazurkiewicz, und der Präsident von Fortuna Köln, Hanns-Jörg Westendorf, im meinKölnBonn-Doppelinterview.

Juni 2020

©Jann Hoefer

In der Regionalliga West spielen mit Fortuna Köln und dem Bonner SC zwei Traditionsvereine mit einer treuen Fangemeinde. meinKölnBonn hat den Vorstandvorsitzenden des Bonner SC, Prof. Dr. Dirk Mazurkiewicz, und den Präsidenten von Fortuna Köln, Hanns-Jörg Westendorf, zum Doppelinterview getroffen und über Mäzene im Fußball, die Zukunftspläne beider Clubs, und über die Auswirkungen von Corona gesprochen.

Herr Mazurkiewicz, Herr Westendorf. Ihre Vereine haben bewegte Zeiten hinter sich. Können Sie uns die aktuelle Situation und die Rahmenbedingungen beschreiben, mit denen Sie bei Ihren Vereinen arbeiten?
Dirk Mazurkiewicz: 
Der Rahmen, in dem wir arbeiten, ist natürlich ein bisschen anders als der Rahmen und die Historie von Fortuna Köln. Fortuna ist von der 3. Liga in die Regionalliga West abgestiegen und arbeitet dort weiter mit den bereits etablierten Profistrukturen. Davor habe ich natürlich Respekt und größte Anerkennung. Unsere Situation beim Bonner SC ist wie folgt: Wir waren im Jahr 2010 insolvent, uns gab es also fast gar nicht mehr. Jetzt wollen wir möglichst schnell in die 3. Liga aufsteigen und Strukturen etablieren, die für den Profifußball notwendig sind. In den letzten ein bis zwei Jahren haben wir ein Plateau erreicht, welches für die Regionalliga reicht. Mit unserem Etat von rund einer Millionen Euro sind wir nämlich nur eine kleine Trompete im großen Orchester Profifußball. Aber wir haben großes sportliches Potenzial: Unser Trainer ist top und wir haben viele Spieler im Kader, die sich sportlich weiterentwickeln wollen. In der Vereinsführung arbeiten wir nach drei Prinzipien: Seriösität, Geduld und Verlässlichkeit. Wir wollen uns langfristig entwickeln. Dazu tragen auch unsere Sponsoren bei, deren Anzahl wir in den vergangenen drei Jahren von 60 auf 160 haben steigern können. Die Sparkasse KölnBonn als Trikotsponsor auf der Brust zu tragen, ist für mich und den Bonner SC eine Auszeichnung.

©Jann Hoefer

Hanns-Jörg Westendorf: Wir können Corona natürlich gerade nicht ausblenden, unsere Saison wäre am 15. Mai bereits regulär zu Ende gewesen. Nun wird am 20. Juni die Entscheidung über den Saisonabbruch getroffen, der sehr wahrscheinlich kommen wird. Inhaltlich bereiten wir uns schon auf die neue Saison vor, die Gespräche mit unseren Sponsoren sind schon sehr weit, sodass wir eine gute Planungssicherheit haben. Die Kaderplanung läuft, mit Andreas Ende haben wir einen super Trainer verpflichtet. Aber nun zu unseren Rahmenbedingungen: Durch den Abstieg aus der 3. Liga hatten wir einen geringeren Etat zur Verfügung, da wir auf die Einnahmen aus den TV-Geldern verzichten mussten. Trotzdem arbeiten wir weiter unter Profibedingungen, was uns vom Bonner SC unterscheidet. Wir hatten in der jüngeren Vergangenheit einen totalen Umbruch im Verein, da unser Investor sein Engagement bei Fortuna Köln beendet hat.

Löring, Viol und Schwetje: Von Mäzenen und Investoren 

Lange Jahre wurden Ihre Vereine von Mäzenen gefördert. Wie beurteilen Sie im Rückblick das Wirken der Mäzene und ihre Auswirkungen auf Ihre aktuelle finanzielle und sportliche Situation? 
Hanns-Jörg Westendorf: 
Meiner Meinung nach muss man im Profisport zwischen klassischen Mäzenen und Investoren unterscheiden. Mit Jean Löring hat uns einer der bekanntesten Mäzene im deutschen Fußball von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre unterstützt. Herr Löring war ein klassischer Mäzen, der den Verein sehr emotional und ohne eine Gegenleistung gefördert hat. Nach den Löring-Jahren hat sich mit Michael-W. Schwetje ein klassischer Investor bei der Fortuna engagiert. In der Natur der Sache eines Investments liegt es, mit seinem Engagement auch Geld zu verdienen. Dies hat bei Herrn Schwetje leider nicht funktioniert und nach seinem Ausstieg haben wir es geschafft, unseren Etat durch unsere Sponsoren, Partner und Zuschauereinnahmen zu halten. Dies ist uns zum Großteil durch unsere treuen Sponsoren gelungen, die Sparkasse KölnBonn ist ein hervorragendes Beispiel für einen Sponsor, dem eine emotionale Bindung wichtig ist und der auch in schwierigen Zeiten zu uns hält.

©Jann Hoefer

Dirk Mazurkiewicz: Unser Mäzen, John Viol, hat für diesen Verein gebrannt und er hat sein letztes Hemd für den Bonner SC gegeben. Ohne ihn wäre der Club nie da gewesen, wo er war. Kritisch betrachtet gab es zu der Zeit, als der Verein fast nur von Herrn Viol unterstützt wurde, allerdings keine Investitionen in den Aufbau von langfristigen Strukturen, zum Beispiel in ein Nachwuchsleistungszentrum oder in Trainingszentren. Es ist beim Mäzenatentum häufig so: Da, wo ein Einzelner investiert, können sich andere nur schwer beteiligen. Heute ist es so: Wenn in Bonn Profifußball gespielt werden soll, dann geht dies nur, wenn sich viele beteiligen. Viele unserer Sponsoren möchten genau dies, sie wollen mitgestalten, sowohl beim Bonner SC als auch für die Stadt Bonn. So wie die Menschen in unserer schönen Stadt. Für den Bonner SC und für Bonn.

Können Sie die abwehrende Haltung gegenüber der Unterstützung der Vereine durch einen Mäzen verstehen, die insbesondere die Fans der Traditionsvereine vertreten?
Hanns-Jörg Westendorf: 
Ich sehe das Wirken von Mäzenen im Profisport eher kritisch, da die Abhängigkeit eines Vereins von dem Wirken einer Person problematisch sein kann. Für Investoren ist es im Fußball ebenfalls schwierig, Geld zu verdienen. Dietmar Hopp sehe ich als klassischen Mäzen mit einer starken emotionalen Bindung zu seinem Heimatverein, in den er sehr viel Geld investiert hat. Unternehmerisch kann ich vor Herrn Hopp nur den Hut ziehen. 

Dirk Mazurkiewicz: Ja und Nein. Das Wirken von Mäzenen im Sport ist ja historisch gewachsen. Nehmen Sie zum Beispiel Leicester City, dieses Märchen von der Meisterschaft wäre ja ohne den Mäzen Vichai Srivaddhanaprabha gar nicht denkbar gewesen. In diesem Fall wird das Mäzenatentum gefeiert. Den Unmut und teilweise Hass gegen Dietmar Hopp kann ich nicht nachvollziehen und sehe da eher die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs als Hintergrund. Die Fans fühlen sich eben nicht mehr als Teil der Fußballkultur und fragen sich, warum sie noch zu dieser „Schickimicki-Liga“ gehen sollen. Das macht ja letztendlich auch den Reiz der Regionalliga aus: Hier spürt der Fan noch die Nähe, das Authentische, den Lokalcharakter und kann auch spontan zum Fußball gehen. In der Bundesliga oder Champions League ist das gar nicht mehr möglich. 

Liebe und Aberglaube am Spieltag

Wie fiebern Sie den Spieltagen entgegen? Sind Sie nervös? Haben Sie feste Routinen? Sind Sie wohlmöglich sogar abergläubisch und betreten das Stadion immer mit dem gleichen Fuß?
Dirk Mazurkiewicz: 
Nein, so etwas wie einen Glückspullover oder etwas in der Art suchen Sie bei mir vergeblich (lacht). Mein Sohn spielt in der U12 des Bonner SC und meine ganze Familie liebt Fußball, da ist bei uns eine natürliche Anspannung und Verbundenheit mit dem Fußball normal. Eine Routine habe ich vielleicht doch: Wenn ich bei Heimspielen ein Bier trinken, dann erst, wenn wir ein Tor geschossen haben (lacht).  
Hanns-Jörg Westendorf: Ich habe eine starke emotionale Bindung zu Fortuna Köln, ich war selbst Jugend- und Amateurspieler bei Fortuna und liebe diesen Verein. An den Spieltagen bin ich natürlich nervös, aber besondere Rituale habe ich keine. 

Welcher Tabellenplatz ist bis Ende der Saison für Ihre Teams möglich? 
Hanns-Jörg Westendorf: 
Unsere Hoffnung wäre ein sechster oder siebter Platz gewesen, nun müssen wir abwarten, ob die Saison wirklich abgebrochen wird. 16 Vereine haben sich für den Saisonabbruch ausgesprochen, endgültig wird dies ja nun Ende Juni entschieden. 
Dirk Mazurkiewicz: Unser erklärtes Ziel war der Nicht-Abstieg und alles besser als der zwölfte Platz in der Tabelle wäre klasse. Im gesunden Mittelfeld mit einer guten Distanz zu den Abstiegsrängen fühlen wir uns absolut wohl. 

©Jann Hoefer

Die Sparkasse KölnBonn unterstützt die beiden Regionalligisten aus der Region.

Bundesliga und Regionalliga im Vergleich

Was sind die größten Unterschiede in der täglichen Arbeit zwischen der Regionalliga und der 1. oder 2. Bundesliga?
Dirk Mazurkiewicz: 
Wir müssen vor allem schneller werden. Damit meine ich nicht die Spieler, sondern die Umsetzung von operativen Dingen. Wir arbeiten zum Beispiel in unserer Geschäftsstelle mit deutlich weniger Manpower als in der Bundesliga. Wir haben ähnliche Strukturen, aber nicht annähernd die Anzahl an Vollzeit-Mitarbeitern, deswegen müssen wir clever sein. Bei einigen Sachen sind wir bereits schnell und modern, zum Beispiel hat der Bonner SC eine brandneue App für das mobile Bezahlen, die wir schnell umgesetzt haben,
Hanns-Jörg Westendorf: Bei den fußballerischen Abläufen sehe ich keine großartigen Unterschiede, im Regionalliga-Fußball gibt es natürlich bedeutend mehr ehrenamtliche Mitarbeiter, zum Beispiel im Scouting oder in der Videoanalyse. Zudem fehlt uns die mediale Aufmerksamkeit. 

„Ohne ein anderes Stadion keine andere Liga“

Woran arbeiten Sie aktuell bei Ihren Vereinen strukturell, um in der nahen Zukunft in höherklassigen Ligen zu spielen? 
Hanns-Jörg Westendorf: 
In der letzten Saison hatten wir quasi keine Mannschaft, keine Sponsoren, zwischenzeitlich keinen Trainer und einen kurzfristig zusammengestellten Kader. Wir werden unser Scouting institutionalisieren und die Jugendarbeit intensivieren. Die Zertifizierung für unser Nachwuchsleistungszentrum ist beantragt, unsere A- und B-Jugend steigen in die Bundesliga auf und unsere U23 spielt in der Oberliga Mittelrhein. Wir werden unsere traditionell gute und intensive Nachwuchsarbeit noch mehr mit dem Profifußball verbinden, um junge Talente in die erste Mannschaft zu holen. Der Name Fortuna Köln zieht junge Spieler an und die Jugend von Fortuna hat eine hohe emotionale Verbindung zum Verein, sodass wir hier eine positive Entwicklung bei dem Anschluss der Jugend an die Herren-Mannschaften sehen.

Dirk Mazurkiewicz: Der strukturelle Aufbau ist bei uns in drei Bereiche aufgeteilt. Wir setzen vor allem auf eine gute Jugendarbeit und haben durch unseren neuen sportlichen Leiter bereits gute Grundlagen gelegt. Zusätzlich müssen wir im medizinisch-diagnostischen Bereich besser werden und auch in unsere Infrastruktur investieren. Ein Stadionausbau ist für uns existenziell. Ohne ein anderes Stadion werden wir auch in keiner anderen Liga spielen.

©Jann Hoefer

„Schäng Gäng“ und „FC Mülltonn“

Ihre beiden Vereine sind in Ihrer Region verwurzelt und verfügen über eine treue Anhängerschaft. Wie entwickeln sich die Zuschauerzahlen und wie wichtig sind die Fans für Ihre Vereine?
Dirk Mazurkiewicz: 
Hier sind wir aktuell in einem kleinen Zwiespalt. Wenn sportliche Highlights anstehen, dann sind unsere Fans da. Aktuell stagniert unser Zuschauerschnitt aber gerade bei Heimspielen so um die 1.000 Zuschauer. Ein Grund liegt auch hier in der Infrastruktur, also bei unserem Stadion, wir sanieren gerade die sanitären Anlagen, das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Die finanzielle Abhängigkeit von den Zuschauereinnahmen ist bei uns aber relativ gering und machen nur rund 20 Prozent aller Einnahmen an den Spieltagen aus. Im Grunde ist die Rechnung einfach: Je mehr sportlichen Erfolg wir haben und je besser unsere Infrastruktur ist, desto mehr Zuschauer werden zu unseren Heimspielen kommen. Um für unsere Fans gerade auch im Gegensatz zu Bundesligavereinen wie den 1.FC Köln attraktiv zu sein, müssen wir mit unseren Vorteilen punkten: eine kurze An- und Abreise sowie die unmittelbare Nähe zum Geschehen. 

Hanns-Jörg Westendorf: Bis Weihnachten 2019 standen wir mit einem Zuschauerschnitt von circa 2.000 Zuschauern pro Heimspiel an vierter Stelle in der Regionalliga West. Nach dem Rückzug unseres Investors ist durch unsere Fangemeinde ein Ruck gegangen, die Fortuna hat eine große Gemeinschaft an organisierten Fanclubs, wie die „Schäng Gäng“, die „Fortuna Eagles“ oder die „Hangovers“. Der größte Fanclub ist der „FC Mülltonn“. Unsere Fans sind uns extrem wichtig, ihre Unterstützung ist großartig.

©Jann Hoefer

Die Fans von Fortuna Köln stehen treu zu ihrem Verein.

Nah dran und familiär: Der Reiz der Regionalliga

Was macht für Sie den Reiz des Regionalliga-Fußballs aus und wie beurteilen Sie die zunehmende Kommerzialisierung des Profifußballs?
Hanns-Jörg Westendorf: 
Wir müssen unseren Fans schlicht und einfach attraktiven Fußball bieten. Fortuna Köln ist eine eigene Marke in Köln, die von ihrem familiären Charakter getragen wird. Fortuna steht für Tradition, Jugendarbeit, Engagement, ist in der Kölner Südstadt eingebettet und besitzt ein Clubhaus mit eigener Kneipe, was mittlerweile selten geworden ist. Das ist der Reiz des Fußballs, für den Fortuna Köln steht. Die zunehmende Kommerzialisierung geht mir gegen den Strich. Ich bin ein absoluter Gegner von Halbzeitshows, auch die Überzeichnung einzelner Fußballer empfinde ich eher als lächerlich. Unser Stadion ist oldschool, wenn es regnet, wird man nass. Bei uns gibt es kein Hokuspokus, hier wird ehrlich gearbeitet und wir sind authentisch. Das reizt unsere Fans, zu uns zu kommen. Unsere Eintrittspreise sind moderat, unser Stadion liegt mitten in der Stadt und man kann spontan mit dem Fahrrad kommen. Was gibt es Schöneres?

Dirk Mazurkiewicz: Auch in der Regionalliga West wird Fußball auf einem hohen Level mit vielen jungen Talenten gespielt. Die Bundesliga wird natürlich immer ihre eigene Faszination ausüben, aber in der Regionalliga sind die Fans einfach näher dran und ein Teil des Spiels, das ist in den höheren Spielklassen nicht mehr möglich. Aus meiner Sicht hat sich der Profifußball zu einem Produkt entwickelt, da regiert gewissermaßen ein Einheitsbrei, siehe zum Beispiel die Interviews der Spieler. Authentizität ist den Fans am wichtigsten, ein positives Beispiel sehe ich zum Beispiel im SC Freiburg. Sobald der Fan sich nicht mehr mit seinem Verein identifizieren kann, kippt die Stimmung. Und das passiert meiner Ansicht nach gerade. Der Fußball, besonders der Bundesliga-Fußball, darf nicht zu einer bloßen Marketingidee verkommen.

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