Alternativ Leben und Bauen in Köln und Bonn

Genossenschaft, Co-Housing oder Mehrgenerationenwohnen – Möglichkeiten alternativer Bau- und Lebensformen gibt es inzwischen reichlich. Welche Ausprägungen davon in der Region zu finden sind, hat meinKölnBonn unter die Lupe genommen. 

Februar 2020

Foto: Stocksy/ALINA HVOSTIKOV

„Ich will nie mehr in einer Eigentümerversammlung sitzen“, schwor sich Jürgen Schramm nach über 20 Jahren als Wohnungseigentümer. Wer schon einmal an einer dieser jährlichen Versammlungen teilgenommen hat, wird wissen, wovon er redet: Längst nicht immer laufen diese Versammlungen harmonisch ab, oft genug gibt es Uneinigkeit und Zwist. In manchen Eigentümergemeinschaften geht das sogar so weit, dass ein Eigentümer alle anderen verklagt. 

Bei Schramm waren die Kinder aus dem Haus, und gemeinsam mit seiner Frau überlegte er, wie die kommenden Jahre angenehmer werden könnten. „Wir haben dann unsere Wohnung verkauft“, so Schramm. Heute leben die beiden als Mitglieder einer Wohngenossenschaft auf dem Gelände der ehemaligen Clouth-Werke in Köln-Nippes. „Das war eine der besten Ideen unseres Lebens“, sagt Jürgen Schramm. „Was sich bei uns in der Kautschukstraße seit 2013 daraus entwickelt hat, das ist toll.“ So haben sich unter den 17 Erwachsenen und sieben Kindern beispielsweise Klavierspieler, Saxophonisten und Schauspieler für ein gemeinsames Projekt zusammengefunden. Es gibt eine Kinogruppe, einen Rentnertreff – und man hat gemeinsam entschieden, etwas für die Ökobilanz zu tun und Strom selbst zu produzieren.

Der kleine Unterschied bei alternativen Lebensformen

1

Baugruppe

Wer zusammen ein Haus baut, bildet eine Baugruppe. Das gilt genauso für ein Reihenhaus wie für ein Mehrparteienhaus. Dementsprechend ist die Baugruppe, die in der Regel automatisch zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts wird, also zu einer GbR, die Grundlage für andere Bauformen.

2

Baugenossenschaft

Eine Genossenschaft will ihren Mitgliedern günstigen Wohnraum bieten. Darum muss in der Regel Genossenschaftsmitglied werden, wer eine solche Wohnung beziehen möchte. Beispiel: Die Wohngenossenschaft Kautschukstraße hatte sich zusammengefunden, um im Clouth Quartier ein Projekt umzusetzen. Das Bauprojekt war bei der WoGe Köln eG angesiedelt, also der Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen. Die Genossenschaftsmitglieder mussten sich auf die fertigen Wohnungen bewerben. Eigentümerin ist jedoch die WoGe, es sind nicht die einzelnen Bewohner oder die Baugruppe. Eine andere Baugenossenschaft in Köln ist der Beginenhof. Das Besondere daran: Hier haben sich ausschließlich Frauen zum gemeinsamen Bauen und Leben zusammengefunden.

3

Co-Housing

In diesen Wohnprojekten steht das gemeinschaftliche Leben im Vordergrund. So gibt es beispielsweise gemeinsame Küchen, Fitnessräume, Dachterrassen oder Bibliotheken. Ein Co-Housing-Projekt gibt es in direkter Nachbarschaft zur Wohngenossenschaft in der Kautschukstraße. Es heißt Wunschnachbarn. Ein Co-Housing-Projekt muss nicht zwingend eine Genossenschaft sein.

4

Mehrgenerationenhaus

Die Bewohner sind bewusst eine Mischung aus älteren und jüngeren Menschen. Vom Gedanken her kann man so als große Familie zusammenleben, auch wenn man das im eigentlichen Sinne des Wortes nicht ist. Beispiel: Die Älteren kümmern sich möglicherweise um die Kinder der Jüngeren. Dafür bringen diese vom Einkaufen die schweren Getränkekisten mit. Mehrgenerationenwohnprojekte sind beispielsweise die Wohngenossenschaften Amaryllis und der Verein Wahlverwandtschaften in Bonn.

Vor- und Nachteile des alternativen und gemeinschaftlichen Lebens

Für Schramm ist einer der größten Vorteile des genossenschaftlichen Lebens der, dass man sich seine Mitstreiter aussuchen kann. „Muss einer ausziehen, sagt er den anderen Bescheid. Dann werden Bewerbungsgespräche geführt – und am Ende entscheiden wir gemeinsam, wer am besten zu uns passt“, sagt Schramm. Das ist anders, wenn man eine Wohnung in einer Eigentümergemeinschaft hat. Dabei kann man sich die anderen Eigentümer genauso wenig aussuchen wie die Mieter, die diese unter Umständen einziehen lassen. Darum kann es auch nach langer, guter Zeit mit nur einem Eigentümer- oder Mieterwechsel plötzlich sehr unangenehm in der Gemeinschaft werden. Das Risiko ist bei der Genossenschaft minimiert und je nach Vertrag auch beim Co-Housing. Auf der anderen Seite fordert ein gemeinsames Bauprojekt, dass man sich engagiert. „Man muss sich mit den Sachen auseinandersetzen, seine Meinung vertreten, viel mehr Verantwortung fürs eigene Leben übernehmen“, sagt Jürgen Schramm. „Ich empfinde das jedoch nicht als Nachteil.“

Mehrgenerationenwohnen in Bonn

In Bonn gibt es das Mehrgenerationenwohnprojekt Amaryllis. Die Wohngenossenschaft richtet sich an Menschen, die neben preiswertem und sicherem Wohnraum auch Gemeinschaft suchen, an Selbstverwaltung interessiert sind und einen ökologisch-nachhaltigen Lebensstil wünschen. Der Prozess, um bei Amaryllis Mitglied zu werden, kann bis zu drei Monate dauern. Wer Mitglied ist, hat jedoch nicht automatisch einen Rechtsanspruch auf eine Wohnung. Entscheidungen werden bei Amaryllis grundsätzlich gemeinsam bei den regelmäßigen Zusammenkünften getroffen. Grundlage für die Selbstorganisation sind Arbeitsgruppen – beispielsweise zu den Themen Garten, Mobilität oder Finanzen. Von allen 50 Bewohnern wird erwartet, dass sie sich in mindestens einer Arbeitsgruppe einbringen und an den Treffen teilnehmen. In Zeit ausgedrückt bedeutet das einen mittleren Einsatz von 15 Stunden pro Monat. Allerdings schwankt der Zeitaufwand zwischen etwa zwei und 40 Stunden – je nach gesundheitlicher Verfassung und Belastung beispielsweise durch den Beruf.

Worauf man vor Vertragsunterschrift achten sollte

„Gemeinschaftliche Bau- und Wohnformen haben viele Vorteile“, sagt Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus & Grund Deutschland. „Wer sich dafür begeistert, sollte aber die finanziellen Risiken nicht aus den Augen verlieren.“ Gerade wenn es um Bauprojekte geht, bringt sich jeder mit seinem Vermögen ein. Oft geht es aber aufgrund der vielen Beteiligten um recht große Grundstücke, um Großbauprojekte und um Summen, die man als Bauherr eines Ein- oder Zweifamilienhauses eben nicht stemmen muss. „Springt einer ab, und hat man diesen Fall vorher nicht rechtlich geregelt, kann das für die Verbleibenden sehr teuer oder sogar existenzbedrohend werden“, so die Juristin. Darum sollte man Gesellschafterverträge abschließen, in denen man beispielsweise Austritte oder Schadenersatzansprüche und Haftungsfragen regelt. 

Nach einer guten rechtlichen Beratung können die Beteiligten dann vom Projekt profitieren. „Es spart natürlich Kosten“, so Julia Wagner. „Schließlich lässt man als Baugruppe den Bauträger außen vor. Man findet in Ballungsgebieten vielleicht leichter ein Grundstück und spart auf jeden Fall beim Materialeinkauf, weil man größere Mengen abnimmt. Außerdem kann es günstiger werden, eine Baufirma für ein großes Projekt über drei Jahre zu beschäftigen als nur über einige Monate.“ Scheut sich die Gruppe davor, ein so großes Projekt alleine zu stemmen, könne ein beauftragter Baubetreuer weiterhelfen, so Julia Wagner.

Weitere Informationen …

… über Wohnungsbaugenossenschaften in Deutschland finden Sie hier.

… über gemeinschaftliches Bauen und Wohnen in Köln finden Sie hier.

… über gemeinschaftliches Wohnen im Alter in Köln finden Sie hier.

… über bundesweite Wohnprojekte finden Sie hier.

… und über den Kölner Wohnprojektestammtisch hier.

Das könnte Sie auch interessieren:

Sparkasse Newsletter

Unser Newsletter

Erhalten Sie mit unserem Newsletter einmal im Monat
spannende Informationen und hilfreiche Tipps.

Hier abonnieren

Magazin durchsuchen...

Unser monatlicher Newsletter

Hier abonnieren