Interview: Frauen haben ein höheres Altersarmutsrisiko als Männer

Gibt es eine Rentenlücke zwischen Frauen und Männern? Droht Frauen häufiger Altersarmut? meinkölnbonn.de sprach darüber mit Dr. Jochen Pimpertz, Leiter des Kompetenzfeldes Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Dezember 2019

Stocksy/Alita Ong

Laut Medienberichten nimmt das Armutsrisiko in Deutschland bei über 65-Jährigen zu. Wie lautet Ihre Einschätzung dazu?
Meldungen zur Armutsgefährdung im Alter können in die Irre führen. Denn „Armutsgefährdung“ bedeutet statistisch etwas anderes als „Armut“ etwa im Sinne der Grundsicherung – die steuerfinanzierte Mindestsicherung der kommunalen Sozialämter. Die Statistiker messen Armutsgefährdung als ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Gesamtbevölkerung beträgt, das derzeit bei ca. 1.120 Euro pro Monat für einen Single liegt. Dabei wird auch berücksichtigt, dass in einem Haushalt ein Ehepartner mit einem höheren Einkommen für beide sorgen kann. Die Crux dabei: Ob Ruheständler Vermögen für die Absicherung des Lebensabends gebildet haben, kommt in dieser Betrachtung überhaupt nicht vor. Das Kriterium „Armutsgefährdung“ ist also nicht treffsicher.
Richtig ist dagegen, dass derzeit Altersarmut im Sinne der Grundsicherung deutlich seltener auftritt als im Rest der Bevölkerung. Sind im Durchschnitt der gesamten Wohnbevölkerung rund neun Prozent auf die bedürftigkeitsgeprüfte Grundsicherungsleistung angewiesen, sind es bei den Ruheständlern lediglich rund drei Prozent. Gesetzlich versicherte Rentner nehmen die steuerfinanzierte Hilfe sogar nur zu 2,7 Prozent in Anspruch. Damit soll Altersarmut keineswegs bagatellisiert werden, immerhin relativieren die Zahlen aber den Befund.

Also ein Sturm im Wasserglas? 
Nein. Denn unstrittig ist auch, dass bislang alle Studien von einem Anstieg dieser Quote ausgehen, selbst wenn sie weiterhin unterdurchschnittlich bleibt. Das bedeutet in einer alternden Bevölkerung, dass mit steigenden Rentnerzahlen selbst bei einem konstanten Anteil insgesamt mehr Personen betroffen sein werden. Umso wichtiger also, dass vor allem jüngere Menschen frühzeitig vorsorgen.

Und wie steht es um die in den Medien immer wieder thematisierte Rentenlücke zwischen Frauen und Männern?
Die gibt es: Bislang haben häufiger westdeutsche Frauen, hauptsächlich Witwen, ein höheres Risiko, auf Leistungen der Grundsicherung im Alter angewiesen zu sein. Das liegt vor allem an dem früher vorherrschenden Al-leinverdiener-Modell westdeutscher Haushalte. Waren die Frauen zu Lebzeiten ihrer Partner noch über deren Alterseinkommen mitversorgt, fällt die Witwenrente geringer aus. Für Frauen, die geringe Erwerbszeiten aufweisen, wirken deshalb Erziehungs- und/oder Pflegezeiten eher positiv, weil sie zusätzliche Rentenanwartschaften begründen. 

Dr. Jochen Pimpertz, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Nimmt die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern eher zu oder steuern Frauen inzwischen verstärkt gegen?
Jüngere Jahrgänge weisen oftmals eine andere Biografie auf. Die Erwerbsbeteiligung insbesondere der Frauen im jüngeren und mittleren Alter hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugelegt, so dass in künftigen Rentnergenerationen dieses Problem nicht mehr mit gleicher Häufigkeit auftreten wird. Allerdings gilt auch hier, dass eine Teilzeiterwerbstätigkeit auch nur zu einer entsprechend geringeren gesetzlichen Rente führt.

Sind bestimmte Gruppen von Frauen besonders von potenzieller Altersarmut betroffen?
Jenseits des früher typischen Alleinverdiener-Modells in Westdeutschland gilt für Männer wie auch für Frauen, dass Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie ihre Spuren im gesetzlichen Rentenanspruch hinterlassen und meist auch Lücken in die Privatvorsorge reißen. Davon sind Frauen stärker betroffen, so lange sie im Fall einer Trennung über längere Phasen die Kindererziehung oder nach dem überkommenen Rollenverständnis Aufgaben der häuslichen Pflege übernehmen. Deshalb gelingt Armutsprävention um-so eher, je früher vor allem Frauen nach familiär bedingten Auszeiten wie-der zurück in eine (Vollzeit-)Beschäftigung finden. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass sich auch die Männer selbstkritisch mit dem tradierten Rollenverständnis auseinandersetzen müssen.

Was können Frauen – je nach Alter und Lebensstand – denn gegen drohende Altersarmut tun?
Frauen, die bereits heute im Ruhestand stehen, haben kaum noch Möglichkeiten, etwas gegen Altersarmut zu unternehmen. Glücklich ist, wer im Kreis der Familie Unterstützung findet. Aber hier ist am Ende die Gesellschaft gefordert.
Anders ist die Situation dagegen für jene, die noch im Erwerbsleben stehen. Hier gilt eine Binsenweisheit: Armutsprävention gelingt am ehesten, wenn eine Teilhabe am Arbeitsleben gut gelingt. Dafür sorgt vor allem das gesetzliche Rentensystem, weil jedes Jahr der Beitragszahlung auch zu ei-nem höheren Rentenanspruch im Alter führt. Oftmals wird angemahnt, dass sich insbesondere Geringverdiener keine private Zusatzvorsorge leisten können. Auch wenn dieses Argument ernst zu nehmen ist, sei daran erinnert, dass abhängig Beschäftigte bereits mit einem Sparbeitrag von fünf Euro pro Monat die volle Förderzulage im Rahmen des Riester-Sparens erhalten können, um wenigstens eine kleine Aufstockung ihrer Alterseinkommen zu erreichen. Insbesondere jüngere Frauen sollten deshalb mit dem Einstieg ins Berufsleben auch die eigenverantwortliche Zusatzvorsorge mit in den Blick nehmen, um sich für Wechselfälle des Lebens zu wappnen.

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